Patentrezepte (nicht) zu verkaufen

Oder müssen wir bald runter von (Hochzeits-)Wolke Nr. 7?

Im Laufe einer Hochzeitssaison gehen mir immer so viele Gedanken durch den Kopf, heute unternehme ich mal den Versuch alles ein bisschen zu strukturieren und auf Papier zu bringen. Im September leide ich oft ein bisschen am „Hochzeitsblues“, vielleicht kennt ihr das?

Für alle, die jetzt gerne nur einen „I love my job“ und alles läuft so super Artikel lesen möchten,  der Text ist nichts für euch.

Nicht die neuste Erkenntnis doch etwas was ich auch nach 12 Jahren suess-und-salzig täglich neu feststelle, es gibt kein Patentrezept für eine erfolgreiche Selbstständigkeit. Sorry diese Illusion muss ich euch jetzt leider nehmen…

Selbstständigkeit bedeutet vielmehr ständige Veränderung, Weiterentwicklung, viel Fleiß, Mühen und ev. Tränen;-). Natürlich auch große Freude und Befriedigung, Kreativität, guter Verdienst und ein spannendes abwechslungsreiches (Arbeits-)Leben!

Was meiner Meinung nach nicht funktioniert ist „ein bisschen selbstständig zu sein“. Deswegen tue mich mit dem ganzen Achtsamkeitsthema, das die letzten Monate auch in der Hochzeitsindustrie immer wieder aufpoppte, wirklich schwer. Das ist nur eines der Themen, wo ich manchmal denke, wie realistisch sind wir in dieser Branche eigentlich noch, denn vor lauter Achtsamkeit könnte man meinen die Rechnungen bezahlen sich von selber..?!

Jeder Mensch ist unterschiedlich, was den einen schon umhaut, lässt den anderen kaum mit der Wimper zucken. Ich halte mich selber für einen relativ starken Menschen, was sowohl meine seelische als auch körperliche Belastbarkeit angeht. Doch je nach Tagesform gibt es in jeder Hochzeitssaison Phasen, da verursacht mir mein eigenes verordnetes Arbeitspensum Bauchschmerzen, da bin ich frustriert, weil z.B. gefühlt ganz Deutschland im Sommerurlaub weilt und ich 6,5 Tage das Ambiente meiner Backstube im Keller „genieße“. Die Balance zu finden zwischen Arbeit und Freizeit ist und bleibt für mich die größte Schwierigkeit, und ein Patenrezept dafür zu haben, wäre einfach großartig! Habe ich aber nicht…

Auch die deutliche Veränderung der dt. Hochzeitsindustrie ist ein Thema, was mich immer wieder umtreibt, denn…

Liebe Hochzeitsbranche…sorry, irgendwie verstehe ich dich (manchmal) echt nicht mehr…

Als ich dich 2005 kennen gelernt habe, da ging es erst mal darum den Brautpaaren den Unterschied zwischen Marzipan und Fondant zu erklären…moderne Hochzeitstorten fast niemand kannte sowas. Eine Hochzeitstorte hatte 3-stöckig zu sein, mit roten Rosen und einem megakitschigen Plastikbrautpaar obendrauf…

Das waren die Anfänge…über die Jahre haben nicht nur meine Hochzeitstorten sich weiterentwickelt, sondern die ganze Branche…

2011/2012 ging für mein Empfinden wie ein kreatives Feuerwerk, eine wahre Explosion von innovativen Ideen, durch die deutschsprachige Hochzeitsbranche. Es gab die ersten Styleshootings (damals noch wahre Großereignisse, die allen Beteiligten eine enorme Medienpräsenz verschafft haben und die ganze restliche Branche in Staunen und Ektase versetzten).

Die dt. Hochzeitsindustrie war noch recht klein, jeder kannte jeden, man hatte sich auch nicht nur lieb, aber irgendwie war’s noch richtig kuschlig:-)

Mit kuschlig ist es schon länger vorbei, wir sind in der Realität einer freien (Hochzeits-)Marktwirtschaft angekommen! Wo es vor ein paar Jahren noch 10 gute Fotografen gab, gibt es jetzt 200 und wo es noch sagen wir mal 5 bekannte Cakedesigner gab, da gibt es jetzt mehrere Dutzend  neuer guter Kollegen. So geht das durch alle Bereiche unsere Branche und macht es deutlich anstrengender sich zu positionieren. Gut, die wenigstens geben das  zu, ein bisschen mehr Ehrlichkeit stände unserer Branche aber nicht schlecht, wie ich finde.

2018 mein Auftragsbuch ist schon gut gefüllt,  und viele wirklich besonders schöne Aufträge warten auf mich. Eigentlich kein Grund zu jammern, ganz und gar nicht. Tolle Brautpaare mit individuellen Konzepten mit einem Hochzeitsbudget, dass Spielraum für aufwendige Handarbeit lässt. Viele Gründe um wirklich dankbar zu sein! Doch der Aufwand, um diese Brautpaare zu erreichen, erfordert deutlich größere Anstregungen und Investionen im Bereich Marketing als noch vor einigen Jahren. Hier den richtigen Weg zu finden beschäftigt mich sehr.

Und die Hochzeitsbranche und ich, ich glaube wir haben eine kleine (Ehe;-)-Krise…

Denn manchmal verstehe ich den Markt nicht mehr, bin ich  zu alt oder ist die neue Art von Marketing einfach nur nicht meine Welt?

Bis vor circa 2 Jahren galt die Gleichung: Kreative Arbeit+ Qualität+ hochwertiger Content= gute Klickzahlen für die eigene Homepage bzw. die Social Mediakanäle (bzw. richtig populär war bis dato nur Facebook).

Doch das reicht heute schon lange nicht mehr.

Die Hochzeitsbranche ist gigantisch gewachsen, und wir alle müssen trommeln was es das Zeug hält damit die Brautpaare uns hören.

Bisweilen nimmt das für mich groteske Züge an, und zwar immer dann wenn privates dermaßen öffentlich zur Schau gestellt wird, dass ich mir sicher bin, ja das bringt bestimmt gute Zugriffe. Aber Voyeurismus als Marketingstrategie, ich weiß nicht, also meine Welt ist das nicht! Und ob das wirklich Kunden animiert zu einer Buchung wage ich ganz arg zu bezweifeln.

Eine geschätzte Kollegin von mir, nämlich Katja von Fräulein K sagt ja, brachte vor einer Weile den Vergleich (in Bezug auf das Marketing im Internet bzw. in der Hochzeitsbranche), dass wo unsere Brautpaare vor einigen Jahren sich noch auf einigen wenigen Plätzen aufgehalten haben, sie sich jetzt auf hunderten kleine Inseln (im Netz) verteilen. Ich finde, das hat sie mit diesem Beispiel sehr anschaulich erklärt, und spiegelt auch meine Erfahrung wieder.

Die Inseln zu finden, wo sich die eigenen zukünftigen Kunden/Brautpaare aufhalten, ist ein bisschen wie eine „Schatzsuche“, nur das unsere Inseln mittlerweile nicht nur noch Homepage und Facebook heißen, sondern Instagram, Instagramstories, Hochzeitsmagazine, Hochzeitsbücher, Blogs, Hochzeitsportal XYZ, Hochzeitsmessen, Pinterest, Snapchat….

Durch diese Fülle, nein Masse, an Input, die auf die Brautpaare einprasselt und zwar von allen Seiten, verschwinden die eigenen Marketingmaßnahmen in kürzester Zeit, dass heißt man muss permanent nachlegen und zwar auf möglichst vielen Kanälen. Diese dauerhafte Omnipräsenz kostet viel Kraft, Zeit, Geld und Energie.

Ich glaube, wir die Hochzeitsbranche stehen vor sehr großen Veränderungen. Die nächsten 2-3 Jahre rechne ich mit einem weiteren Boom an Dienstleistern in allen Bereichen, davon werden sich einige durchsetzen und alte überflügeln, weil sie frischer, besser, billiger oder innovativer sind.

Insgesamt wird es nicht leichter in der Hochzeitsbranche zu arbeiten, das ist meine persönliche Einschätzung, davon bin ich überzeugt. Ich denke viel darüber nach, wie ich damit umgehe bzw. welche Schritte dies für suess-und-salzig konkret bedeutet, falls ich das Patentrezept gefunden habe, sage ich euch Bescheid:-).

Nein, ich bin nicht depressiv, und niemand muss mich trösten;-), aber ab und zu muss ein ehrlicher Blick außerhalb der rosa Wolke mal sein.

In diesem Sinne

Süße Grüße

Heike

 

 

 

 

 

 

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